Zur Zeit zu Sehen in ...

Männer­feste

Moderne Bräuche
in Deutschland.

EINE WANDER­AUS­STELLUNG

Bräuche prägen das Kalenderjahr. Sie bieten Anlässe zum Feiern und stiften Gemein­schaftsgefühl. Sie dienen der Weitergabe von Traditionen und gelten als schützenswerter Teil der deutschen Kultur. Dazu zählen auch weniger bekannte, von lokalen Gemein­schaften praktizierte Bräuche. Auf den ersten Blick wirken einige von ihnen skurril: Es wird gekämpft, verbrannt, getrunken, versteigert, gejagt und geschlagen. Dabei fällt die Verteilung der Geschlechterrollen auf: Die Bräuche sind im Wesentlichen von Männern für Männer. Frauen werden präsentiert, beschützt und bestraft oder sind einfach unsichtbar.
Das Forschungsteam hat verschiedene Orte in Deutschland besucht, um diese Bräuche kennen­zulernen. Welchem Regelwerk folgen sie? Welche Motivation treibt ihre Teilnehmer*innen an? Was sagen diese Bräuche über unsere Gesellschaft aus? Herausgekommen ist eine Sammlung von fünf Reiseberichten. Gerahmt sind die Berichte von einer Deutung der Bräuche als moderne Männerfeste.
Klaasohm in Borkum

Klaasohm schlägt zu.

Das höchste Fest auf Borkum

Jedes Jahr am Abend des 5. Dezember feiern die Bewohner:innen der Insel Borkum das Klaasohm-Fest. Bei dem Vorweihnachtsbrauch jagen junge Borkumer über die Insel und fangen unverheiratete Frauen, um sie mit Kuhhörnern zu schlagen.

Frauen zu versteigern.

Maibräuche im Rheinland

Wenn es auf den Mai zugeht, startet in einigen Dörfern des Rheinlandes eine feste Choreografie von Frühjahrs­bräuchen. Ausgerichtet werden diese von lokalen Vereinen, in denen sich unverheiratete Männer organisieren. Beim Mailehen versteigern die Junggesellen in nächtlichen Zusammenkünften die unverheirateten Frauen des Dorfes.

Maibäume im Rheinland

Bis ihn eine Jungfrau küsst.

Treppenfegen in
Norddeutschland

Zum 30. Geburtstag droht unverheirateten Männern in Norddeutschland eine besondere Strafe. Sie müssen vor Publikum die Treppen eines öffentlichen Gebäudes fegen. Nur der Kuss einer Jungfrau kann die Jung­gesellen davon befreien. Unverheiratete Frauen müssen in einer Variante des Brauchs in der Öffent­lichkeit Klinken putzen.

Treppenfegen in Norddeutschland

Am Ende verbrannt.

Die Kerweschlumpel aus der Kurpfalz

Zum 30. Geburtstag droht Volksfeste haben einen festen Platz im deutschen Brauchtum. So auch das Kerwe-Fest in der baden-württembergischen Kurpfalz. In einigen Ortschaften der Kurpfalz begleitet eine weibliche Puppe, die Kerweschlumpel, das Fest. Die Kerweschlumpel wird von den Kerweborscht, den männlichen Organisatoren der alljährlichen Feier­lichkeiten, kostümiert und hergerichtet. Am Ende des Festes ereilt die Puppe jedoch ein trauriges Schicksal: Sie wird öffentlich auf dem Platz vor der Kirche verbrannt.

Kerweschlumpel aus der Kurpfalz

Zu Grabe getragen.

Die Vegesacker Gesche

Alljährlich findet im Bremer Stadtteil Vegesack ein Jahrmarkt statt. Fester Bestandteil des Marktes ist der Vegesacker Junge, ein Matrose, der als Ikone des Stadtteils gilt. Er wird von seiner Freundin, der Gesche, über den Markt begleitet. Gesche ist eine Schaufensterpuppe, die Jahr für Jahr vom Vegesacker Ruderverein kostümiert wird. Sie teilt jedoch das Schicksal der Kerweschlumpel: In einem Trauermarsch wird sie zum Ende des Festes zu Grabe getragen.

Die Vegesacker Gesche

Innenansichten

© Edgar Herbst

Diese archaisch erscheinenden Bräuche haben im populären Verständnis von deutscher Kultur keinen Platz. Debatten um den Schutz von Brauchtum und einer vermeintlichen deutschen Leitkultur stellen meistens landesweit zelebrierte Traditionen wie Weihnachten oder Hochzeitsbräuche in den Fokus. Dass die hier aufgeführten Bräuche in solchen Erzählungen kaum vorkommen, hat einen Grund: Rituelle Gewalt und Frauenfeindlichkeit sind in Deutschland mit „fremden Kulturen“ verknüpft, deutsches Kulturgut gilt wiederum als zivilisatorisch und fortschrittlich. Es zeigt sich: Um die eigene Kultur zu definieren, ist eine Abgrenzung notwendig. Die Reiseberichte der Männerfeste stellen dieses Verhältnis grundlegend infrage, denn sie zeigen: Was als „fremd“ gilt, findet man im eigenen Kulturgut wieder. Sie bieten somit einen Anlass, die Perspektive zu wechseln und kritisch auf das Selbstverständnis deutscher Kultur zu blicken.

Keine Ausnahme

Die hier vorgestellten Bräuche haben nichts mehr mit uns zu tun? Der Schein trügt. Die kulturellen Praktiken, die in den Bräuchen vorkommen, sind fest in deutscher Alltagskultur verankert. Auf einen unfreiwilligen Kuss auf die Wange oder eine unwillkommene Berührung muss eine Frau nicht warten, bis sie einem fegenden Junggesellen an seinem 30. Geburtstag begegnet. Die Bewertung von Frauen und ihren Körpern findet nicht nur im Mai bei Versteigerungen statt. Um in der Dunkelheit verfolgt zu werden oder Gewalt zu erfahren, müssen Frauen keine Nordseeinsel besuchen: Jede Dritte von ihnen hat in Deutschland schon einmal sexualisierte Gewalt erlebt – und zwar ohne jede Einwilligung, sich auf ein Spiel einzulassen.

DIE WANDERAUSSTELLUNG:

Skizze der Wanderausstellung
  • Einführung
  • Fünf Bräuche auf vier Ausstellungsmöbeln (2m Höhe)
  • Film „Die Stadt ist die Gilde und die Gilde ist die Stadt“
  • Deutungsangebote: „Innenansichten“ und „Keine Ausnahme“
  • Einblicke in die Recherche
  • Sammlung „Weitere Männerfeste“
  • Impressum